Keine Nostalgie. Rückgewinnung.
So, Here we are now — gefangen zwischen Joballtag, Vatersein und Ambitionen, die nie ganz verschwunden sind. In meinem Fall hatte letzteres immer mit Musik zu tun.
Wer hätte gedacht, dass sich das Älterwerden anfühlt, als würde man zugeschüttet — von Routinen, Rechnungen und einer Kultur, die auf Ablenkung, Hyperkapitalismus und permanenten Lärm ausgelegt ist.
Wahrscheinlich ist das der Grund, warum die 90er bis heute nachhallen. Aber waren sie wirklich besser? Natürlich nicht. Uns fehlten viele der Dinge, die unser Leben heute prägen. Aber irgendwo ist während dieses technologischen Sprungs etwas Menschliches verloren gegangen — ein bestimmter Funken Hoffnung.
Bitter Sweet Symphony
Ist das nur eine GenX-Wahrnehmung? Auf dem Papier steht die Welt heute besser da: die Kriminalität ging zurück, Armut und Hunger nahmen ab. Damals war einiges im Gange: Die Mauer war gefallen. Der Ostblock zerfiel, der Kalte Krieg war vorbei. Apartheid endete, Europa schien endlich zusammenzuwachsen, und die Welt wirkte so, als könnte sie sich auf eine große gemeinsame Herausforderung einigen — den Klimawandel. Das Web öffnete neue Horizonte. Die Wissenschaft machte enorme Fortschritte. Kultur explodierte — sogar die Beatles "vereinten". Staunen war "Here, there and everywhere" angesagt. "Globalization" war das Stichwort. Die Welt fühlte sich an wie eine einzige Love Parade.
Und doch trug dieses Jahrzehnt eine enorme Brutalität in sich. Der Golfkrieg. Der Balkan. Ruanda. In der Mitte des Jahrzehnts wurde es noch finsterer: Die Ermordung von Yitzhak Rabin versetzte dem Friedensprozess im Nahen Osten einen schweren Schlag. Amokläufe und Börsencrashs zeigten, dass der Abgrund nie weit entfernt war. Und wie wir heute wissen, wurden Frauen trotz öffentlicher feministischer Triumphe hinter den Kulissen ausgebeutet.
Kurt Cobains Tod ließ die Stimme einer Generation verstummen. Der Tod von Prinzessin Diana erschütterte die Welt.
Und doch — warum fühlt sich der Spirit der 90er heute so unerreichbar an?
Smells Like Teen Spirit
Die Magie war diese Rohheit. Stile waren noch im Entstehen. Szenen hatten Kanten. Man konnte gleichzeitig in Grunge und Clubkultur leben, in Entfremdung und Hedonismus, in Tiefe und Nonsens — oft alles zur selben Zeit. Leben bedeutete Erkundung: spontane Partys, Konzerttrips, lange Gespräche bis tief in die Nacht. Wir folgten Impulsen, nicht Algorithmen. Wir trafen uns in losen, chaotischen Gruppen. Selbst das Internet war ein Spielplatz zum Entdecken, kein Ort für Dauerinszenierung und Selbstvermarktung.
Es gab mehr Raum, unfertig zu sein. Mehr Neugier. Mehr Freude. Dinge hatten Bedeutung.
Human Behaviour
Das hier ist kein „früher war alles besser“-Gerede. Es geht um Rückgewinnung. Es geht darum, den Drang wiederherzustellen, Dinge auszuprobieren, bevor sie glattgezogen und markttauglich gemacht werden.
Was heute fehlt, ist nicht die Vergangenheit. Es ist der Mut roh zu sein — und der Wille, Neues anzunehmen, ohne es sofort besitzen oder verwerten zu müssen. Das schuf ein besseres Verständnis füreinander — und mehr Empathie für den Lebensweg anderer.
Bleib neugierig. Probier aus. Right about now!
Dafür steht Daddy Grunge.

