„90s Echo“ taucht ein in die Musik, Kultur, den Stil und den Geist der 1990er Jahre – von Grunge und Alternative Rock bis hin zu Jungle, Big Beat, House und Techno. Mehr als nur Nostalgie: Hier geht es um die Stimmung, die Haltung und die Widersprüche dieses Jahrzehnts. Hier treffen Erinnerungen auf Bedeutung, und hier hallt die rohe Energie der 90er Jahre noch immer bis in die Gegenwart nach.
„Energie!“ – Wie Sir Patrick Stewart aus mir einen halben Trekkie (und einen etwas besseren Menschen) machte.
Manche Nachrichten lassen einen innehalten. Gestern Abend erfuhr ich, dass Sir Patrick Stewart gestorben war. Und das beamte mich direkt zurück in die Zeit, als Captain Jean-Luc Picard mein Idealbild einer Führungspersönlichkeit war.
Meinen „first contact“ mit Star Trek: The Next Generation hatte ich 1990, als das Zweite Deutsche Fernsehen die neue Serie ins Programm nahm. Auf jenem vertrauten Vorabend-Sendeplatz, den ich damals von Serien wie Ein Colt für alle Fälle, Matlock oder Trio mit vier Fäusten kannte. Anfangs konnte ich überhaupt nichts damit anfangen: seltsame Kostüme und Masken und steife Dialoge in einer merkwürdigen Umgebung, in der alles ziemlich gleich aussah. Ein Kammerspiel im Weltraum, dessen Reiz sich mir nicht recht erschloss. Und dann waren da noch ein Android und ein Klingone, die beide unheimlich ernst und intelligent wirkten, obwohl sie für mich fast ein wenig lächerlich aussahen.
Things Will Never Be the Same
Vier Jahre später sah die Sache anders aus: Nach langen Schultagen versuchte ich verzweifelt, die Zeit bis zum Abendessen totzuschlagen. Nach einem Senderwechsel war „Next Generation“ im Nachmittagsprogramm gelandet. Also gab ich der Serie noch eine Chance. Und diesmal blieb ich hängen! Nachdem ich erst einmal in dieses Universum assimiliert worden war, hörte ich zu und schaute hin. Die Philosophie der Serie und Sir Patrick Stewarts Darstellung von Jean-Luc Picard beeindruckten mich.
Vielleicht war es eine Frage der Reife. Jedenfalls fiel all das in meine Teenagerjahre, als ich schwerst auf Sinnsuche war. Und Captain Jean-Luc Picard, der steckte voller Sinn. Seine wohlüberlegten Entscheidungen, seine Würde, seine Art, mit anderen umzugehen. Ein wahrer Mensch. Ich war begeistert.
Später begegnete ich im wirklichen Leben nur selten Menschen, die diesem Vorbild gerecht wurden. Besonders selten in Führungspositionen. Für mich war das Kunst: ein höheres Ideal davon zu vermitteln, wie Menschen miteinander umgehen könnten – und dabei Physik, mit der ich damals in der Schule auf Kriegsfuß stand, und anderen Nerd-Kram mit Shakespeare’scher Dramatik zu verweben. Und einem Gen-Xler wie mir, gab es einen Funken Hoffnung, dass die Menschheit sich doch noch zu etwas Weiserem entwickeln könnte.
Sir Patrick Stewarts erste Liebe galt dem Theater, besonders Shakespeare. Vielleicht war das ein Teil dessen, was seinem Picard diese Würde und Präsenz verlieh. Ich bewunderte die Figur, und ich bewunderte den Mann, der sie zum Leben erweckte. Was für ein Verlust – ja, für die Menschheit.
Manche Erinnerungen bleiben. Im Backstage-Pass-Newsletter erzähle ich von der Musik, der Kultur und den Momenten der 90er – und davon, was sie uns heute bedeuten. Wenn du magst, komm mit hinter die Bühne.
All the small things - wie 1997 das Foto einer neugeborenen Tochter Technikgeschichte schrieb.
An alle da draußen, die Anfang der 2000er Väter geworden sind: wer hat bei Geburt seines Kindes den Drang verspürt, diesen Moment festzuhalten und mit möglichst vielen aus seinem Umfeld zu teilen? Und wer hatte damals die Möglichkeit, dies ohne Umschweife zu tun, möglichst über Mobilfunk? Denn bis Smartphones oder einfach Handys mit Kamera alltäglich in Gebrauch waren, gab es tariflich und vor allem technisch noch Hindernisse dabei.
Dies wusste auch Philippe Kahn, studierter Mathematiker, französischer Immigrant, Software-Tüftler und Entrepreneur im Silicon Valley. Und dennoch gelang es ihm, mit einem Bild seiner frisch geborenen Tochter Sophie ein kleines Stück Technikgeschichte zu schreiben: Als Dokument des ersten Handy-Foto-Sharings der Welt nahm die TIME das briefmarkengroße Bild 2016 in ihre Auswahl der 100 einflussreichsten Fotografien aller Zeiten auf.
Was heute selbstverständlich ist, war eben an jenem 11. Juni im Jahr 1997 ein noch größeres Unterfangen. Zwar gab es die Komponenten: Digitalkamera, Handy mit Mobilfunk und mail-fähiger Computer. Aber diese Kombi so zum Einsatz zu bringen, dass wie heute selbstverständlich sofort gepostet und versendet werden kann – das war damals nicht ohne Weiteres drin.
The Masterplan
Vielleicht gerade deshalb nahm sich Philippe Kahn vor, das erste Bild seiner Neugeborenen digital festzuhalten und sofort mit der Welt zu teilen. Laut Berichten nutzte er die 18 Stunden, die seine Frau in Wehen verbrachte, dafür, seine bereits seit Monaten entwickelte Servertechnik mit der dafür notwendigen Hardware zu verbinden.
Teile holte er aus dem Auto, ein Eingeweihter fuhr zum Elektronikmarkt für noch ein paar fehlende Komponenten und auf der Station kam sogar der Lötkolben zum Einsatz. Das Ergebnis war ein improvisierter Stack aus einer Casio QV Digitalkamera, seinem Toshiba-Laptop und einem Motorola StarTAC Flip Phone, welche alle über seine Programmierung mit seinem Server verbunden waren.
Step by Step
Die Digicam verband er per Kabel mit dem Rechner, wohin die Software das Bild zuerst schickte. Von dort aus musste es auf seinen Server gelangen, von wo er eine Massenmail an seine Kontakte versenden wollte. Hierzu kam sein Motorola-Mobiltelefon zum Einsatz.
Ein Stecker seiner Auto-Freisprecheinrichtung und weitere Zeilen Code ließen das Handy mit dem Rechner kommunizieren. So gelang der Transport des Bildes an seinen Server per Mobilfunk, von wo aus dann ein Link als Massenmail verbreitet wurde.
Kurz darauf war die Mail an rund 2.000 Kontakte weltweit versendet, die mit Begeisterung und Verwunderung auf das briefmarkengroße (320 × 240 Pixel erleichterten die Übertragung) Foto reagierten! MMS, heutige Social-Media-Plattformen oder Smartphone-Messenger gab es noch nicht; andere mobile Übertragungswege waren teuer und technisch umständlich - vorausgesetzt, man hatte die technischen Möglichkeiten.
Erstes per Handy geteiltes Foto in Originalgröße, 11.06.1997 - Foto: Philippe Kahn, 1997 – gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Things Can Only Get Better
Kahn versuchte, seine Idee zu vermarkten, aber die angesprochenen Unternehmen winkten zunächst ab. Mobiltelefone waren doch eher zum Telefonieren gedacht, war die gängige Meinung.
Um 2000, als erste Kamerahandys an den Markt kamen, wurde seine Idee mit japanischen Partnern aufgegriffen. Seine Firma LightSurf, die seine Ideen weiterentwickelte, ging 2005 an VeriSign.
Heute ist sein Prinzip des Sofort-Bild-Machens-und-Teilens selbstverständlich, genauso wie es sich heute als werdender Vater ziemt, seine Partnerin in den Kreißsaal mit zu begleiten (eigene leidvolle Erfahrung mit 24 h Wehen).
Philippe Kahn gilt aufgrund seiner vielen Tüfteleien und Gründungen als Legende im Silicon Valley. Und Tochter Sophie ist mittlerweile selbst mitten im Leben.
Fünf Filme, die ich meinen Töchtern wohl irgendwann aufschwatzen werde.
Also, jede Liste guter, interessanter und denkwürdiger Filme der 90er würde ellenlang sein. Klassiker wie: Forrest Gump, Good Will Hunting, Der mit dem Wolf tanzt oder Kevin - Allein zu Haus würden jedem in den Sinn kommen.
Hier kommen Blockbuster-Klassiker, aber auch leise Indie-Filme. Die 90er waren (m)eine Explorer-Dekade in jeder Hinsicht und Kinofilme waren wichtige kulturelle und Entertainment-Highlights.
Apropos Kino: ja, in der Zeit war der Gang ins Kino ein kleines Event: mit Freunden oder sogar alleine. Als sozialer Bestandteil wurde der Film noch in einer Kneipe ausgewertet und dann heim.
Was willst Du auch anderes machen, als Jugendlicher, im Erzgebirge?
Clubkino Siegmar, die Freilichtkinos im Vox oder AJZ oder das Luxor Cinestar waren so Anlaufpunkte für einen Dorfjugendlichen wie mich, nur des Lokalkolorits wegen.
The Game
Um jetzt nicht noch ein streitbares, auf Geschmack basierendes und belangloses Ranking zu liefern, habe ich mich gefragt:
Welche Filme hallen bis heute nach? Einige habe ich später noch ein paar Mal gesehen, aber die tiefste Erinnerung kommt immer noch vom ersten Mal. Und die, die in der Birne blieben, sind schon mal automatisch im Ranking.
Warum haben die nachgehallt? Dieser Punkt geht auf Szenen, Momente und die Bedeutung für mich ein.
Wie war mein Zugang zu diesen? Habe ich aus den Medien davon erfahren, bin ich selber darauf gekommen oder war es reiner Zufall.
Würde ich meine Töchter später mal damit nerven, diesen Film zu schauen? Hier kommt die Frage, die entscheidend ist. Manche Sachen fallen aus der Zeit, manche bleiben zeitlos. Fight Club, hat mich beim ersten Wiedersehen nach 25 Jahren geschockt, wegen seiner naiven und aufgesetzten Rebellion. Damals habe ich dem Film im Kino applaudiert, stehend, als Einziger. War mir egal, war geflasht davon.
Out of Sight
Also, aus diesen vier Fragen sind die ersten fünf Filme zustande gekommen, die ich nun hier aufführen möchte. Bitte verzeiht mir, wenn z.B. Titanic nicht dabei ist – ein absolutes Meisterwerk und Dickschiff ohne Zweifel, auch aufwühlend und plättend. Aber obwohl der Film absolutes Kulturgut ist, hat bei mir persönlich da nicht so viel nachgehallt im Laufe der Jahre.
Deswegen hier eine absolut individuell eingefärbte Liste zum Ärgern, Wundern, Staunen, Abwinken oder Revue-Passieren-Lassen.
First Strike
1. Léolo
Geschichte eines pubertierenden Jungen, der in einem kanadischen Armenviertel der 50er Jahre aufwächst und fantasiert, Italiener zu sein.
Was ist Fiktion, was psychotischer Schub, was Erinnerungsfetzen?
Schwer zu sagen,
jedenfalls gespickt mit schrägen und deftigen Szenen.
"Weil ich träume, bin ich nicht."
Nachhall: ja, denke bei dem Film immer an filmische Poesie – hier ist wirklich Lyrik auf Zelluloid gebannt, ein ganz besonderes Kunstwerk.
Zugang: auf Empfehlung eines guten, zutiefst kulturstiftenden Freundes. Schon allein deswegen besonders.
Empfehlung als Vater: ja, aber erst, wenn die Pubertät schon ein bisschen fortgeschritten ist, definitiv nichts im Bereich FSK 6 und es ist auch geistig schwere Kost.
Noch etwas Trivia: Regisseur und Autor Jean-Claude Lauzon kam 1997 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Der Film nimmt deutlich Bezug auf Réjean Ducharmes Roman L’Avalée des avalés, der auch innerhalb der Geschichte eine wichtige Rolle spielt. Dazu fließen Erfahrungen und Gefühle aus Lauzons eigenem Leben ein.
Sehr metaphorisch, sehr kreativ, mit enormer Deutungstiefe.
Deshalb ist Léolo für mich “poetry in motion (picture)” – filmische Poesie.
2. The Big Lebowski
Althippie verstrickt sich durch eine Reihe dämlicher Zufälle in eine halb Gangsterstory, halb L.A.-Künstlerszene-Odyssey.
„Er (der Teppich) hat den Raum erst richtig zusammengefügt.“
Nachhall: Obwohl ich den Film später noch öfter gesehen habe, blieb bei mir „I hate the fucking Eagles“ im Hirn haften, Donnies Asche im Gesicht und des Dudes stoische „Leck-mich-am-Arsch“Stimmung.
Und dass Amerikaner die Deutschen darin gut und gerne nachäffen.
Zugang:typischer Kino-Gang mit meinem Kumpel. Ich denke, keiner war vorbereitet (außer Coen-Brüder standen für Muss-Gut-Sein),
es war eher Zeitvertreib „gehen wir mal ins Kino“.
Wir haben herzlich gelacht, das weiß ich noch.
Ob der Abend in der Kneipe endete, keine Ahnung.
Empfehlung als Vater: ja, als Kultfilm.
Ob meine Töchter jemals verstehen, warum das witzig sein soll, who knows.
Vielleicht erweisen sich Charme und Flow des Films als zeitlos.
3. Terminator 2: Judgment Day
Der T-800 ist diesmal Beschützer von John Connor – gegen einen übermächtigen Feind: den T-1000, ein neues und gefährlicheres Modell.
Actionreicher und spannender Thriller mit „Späschel Äffekts“.
„Ich will deine Kleider, deine Stiefel und dein Motorrad.“
Nachhall: Ich habe ihn danach kein einziges Mal wieder am Stück gesehen,
aber immer jeden Schnipsel begierig aufgesogen, wenn er zufällig im TV kam.
Zugang: Medien-Hype Ende 1991.
Wir alle wollten ins Kino.
Und so gingen wir.
In Scharen,
auf Mopeds.
Ich kann mich erinnern, dass das Kino im Nachbarort rappelvoll war, die halbe Klasse drin saß und Nebelschwaden von Zigaretten das Licht des Projektors durchbrachen.
So muss Kino.
Geiler Moment, geiler Film.
Empfehlung als Vater: Ja, würde mich auch interessieren, wie meine Töchter drauf reagieren.
Oder aber: Irgendein Skynet in der Realität hat den Film inzwischen ad absurdum geführt, oder ihm angesichts knallharter Realität seinen dystopischen Charme genommen.
Dann werden sie mich fragen:
ihr habt das alles vorher gesehen und nichts gemacht?
Vielleicht doch keine gute Idee.
4. Pulp Fiction
In ineinander verwobenen Erzählsträngen erzählte Gangsterpistole, die mit Dialogen, Musik, Gewalt und verdammt viel Stil arbeitet.
Ein Meisterstück von Tarantino.
„Sag noch einmal ‚Was‘! Sag noch einmal ‚Was‘! Ich warne dich, ich warne dich doppelt, du kleiner Schwanzlutscher! Wag es, auch nur noch ein einziges Mal ‚Was‘ zu sagen!“
Nachhall: Vor allem der Soundtrack, die Coolness und diese vollkommen eigene Atmosphäre sind geblieben.
Ein Film, den ich auch heute noch einschalten kann und der sofort wieder funktioniert.
Zugang: Den großen Hype habe ich damals natürlich mitbekommen – gesehen habe ich den Film aber erst deutlich später, vermutlich 1997 oder so.
Also kein legendärer Kinoabend, keine besondere Geschichte drumherum.
Einfach irgendwann nachgeholt.
Und trotzdem verstanden, warum alle davon gesprochen hatten.
Empfehlung als Vater: Ja.
Schon allein als Stück Film- und Popkultur der 90er.
Ob meine Töchter irgendwann dieselbe Coolness darin sehen wie ich, ist eine andere Frage.
5. Lost Highway
Tja, worum geht’s?
Nicht so einfach zu beantworten.
Man kann sich nur einlassen auf diese Reihung von Metaphern, Gestaltenwandlungen und Thrill- und Schockszenen von Lynch.
„Ich erinnere mich an Dinge auf meine eigene Art."
Nachhall: "Ich bin in Ihrem Haus. Rufen Sie mich an."
Da kriecht mir jetzt noch ein Schauer den Rücken hinunter.
Und hier weiß ich, dass ich danach in einer Kneipe war und das Nachäffen der Szene meines Kumpels mich wieder aus dem Schock geholt hat.
Zugang: Mit einer Gang wieder mal ins Luxor-Kino gefahren und einfach den rausgesucht
(es gab immer wieder ein paar Indie-Filme im ganzen Blockbuster-Reigen, man konnte also nichts falsch machen, dorthin zu fahren)
und dann leicht verstört rausgekommen.
Empfehlung als Vater: nun ja, vielleicht so als Nummer
„Kuck mal, was für krasse Filme Dein Vater gekuckt hat damals“,
um sie etwas zu beeindrucken.
Noch etwas Trivia: Lost Highway war für Rammstein ein wichtiger Türöffner in den USA. In der Szene, in der Andy nach seinem ziemlich unschönen Abgang im Glastisch landet, knallt „Heirate mich“ rein.
Und genau so habe ich das in Erinnerung:
Das Ding schlug an dieser Stelle ein wie ein Vorschlaghammer.
Willst Du mehr 90er Echo empfangen? Dann schnapp' Dir den Backstage Pass!
Von Marvin Gaye zu den Muppets, von Madonna zu Massive Attack
Was Eingebungen für Überraschungen hervorbringen können!
Früh beim Kinder-zur-Schule-Bringen, nach einem Sinnlos-Anruf vom Chef kam mir unwillkürlich der Song „Inside“ von Stiltskin in den Sinn mit seinem brachialen, unverwechselbaren Gitarrenriff und dem rauen, majestätischen Gesang von Ray Wilson Don’t keeeep it — inside.
Später auf dem Klo lese ich einen Artikel, wie es zu Song und Band, überhaupt wie die ganze Konstellation zustande kam: für einen Levi’s-Spot musste ein Song her, der überraschend so gut einschlug, dass schnell eine Band geformt werden musste, die dann genauso brachial zerfiel, wie der letzte Twang des Hammerriffs von „Inside“.
Dennoch haben die Levi’s-Hypes eine erstaunliche Glitzerspur über Shaggy, Fatboy Slim bis zu Flat Eric gezogen. Und zoomt man genauer rein, sind Nick Kamen, Massive Attack, Madonna, Genesis, Smashing Pumpkins und sogar die Muppets in dieser Saga verwoben.
What’s Up?
Aber der Reihe nach:
Die Story beginnt mit der Agentur BBH (für Bartle Bogle Hegarty) aus London, in der ein gewisser Sir John Hegarty - Wiederentdecker des Claims „Vorsprung durch Technik“ von Audi - Mitinhaber war. Dieser prägte das Credo:
Werbung muss nicht laut und überladen sein, sondern klar und kulturell einprägsam.
Als schon umtriebiger Kreativdirektor, Anteilseigner (Saatchi & Saatchi) und Bürogründer (TBWA London) begann er 1982 mit BBH ein neues Kapitel als Agentur-Mitinhaber. Kunden wie Audi oder eben auch Levi’s waren schnell aufgetan.
Und so kam es 1985 ganz mit der damals hippen 50er-Revival-Kultur zum ersten Fernsehspot der mittlerweile als unmodisch geltenden 501er Levi’s Jeans. Und dieser spielte das Credo von Sir John voll aus: Ein Model namens Nick Kamen (ja, der Nick Kamen: „I promised myself“!) betritt in einer 50er-Jahre-Kleinstadtszenerie einen Waschsalon, entblößt sich cool und sitzt in Shorts lässig-wartend zwischen staunenden Gästen. Dazu hämmerte eine Replik von Marvin Gayes „I Heard It Through the Grapevine“.
Kulturell-sendungsbewusster ging es nicht mehr.
Vogue
Der Spot war so ein großer Erfolg, dass die Rechteinhaber der Originalsongs ob des unerwarteten Geldregens Neuauflagen veranlassten und plötzlich war Nick Kamen ein gefragter Mann.
Da er auch Musiker war, ließen Kooperationsangebote nicht auf sich warten. Madonna wollte unbedingt ein Album mit ihm produzieren, beließ es aus Zeitgründen dann aber dabei, einen ihrer Songs zur Verfügung zu stellen. „Each Time You Break My Heart“ wurde Nick Kamens erster Welthit. Der 1990 präsentierte Knaller „I Promised Myself“ war Nummer 1 in Schweden und Österreich (Deutschland Platz 5), schlug dafür in UK nur mäßig an.
Something Changed
Parallel lief die Erfolgsformel „Männermodel + Soulklassiker“ bei den Levi’s Spots heiß, bis 1994 dieses Konzept ausgelutscht war. Neue Ideen mussten her.
Hier kommt ein gut vernetzter Start-up-Producer namens Peter Lawlor - wirtschaftlich versiert, mit einem Abstecher ins New Yorker Tradinggeschäft - ins Spiel: Konfrontiert mit dem Auftrag für einen Song für den neuen Levi’s Spot bemerkte er recht schnell, dass sogar Acts wie Massive Attack im Pitch waren. Alle tasteten sich voran, Briefings wurden mehrfach geändert.
Immer klarer wurde im Verlauf, dass eine Art Hymne gewünscht war, weswegen Lawlor ein durchgehendes chorales Stück schrieb.
Später kristallisierte sich heraus, dass dieses durch ein emotionales Stück durchbrochen werden sollte, aber keine Komposition konnte überzeugen. BBH trat erneut an Lawlor heran, der mit dem Choral zumindest einen genehmen Anfang geliefert hatte.
Right Here, Right Now
Der erinnerte sich an einen Song, den er schon seit einem guten Jahrzehnt in der Schublade hatte, produzierte ihn in einem Wochenende durch (alle Instrumente selbst eingespielt) und verwarf ihn dann aber wieder zugunsten einer Elektronik-lastigeren, vermeintlich hipperen Variante (bedenke, Massive Attack und andere hippe Künstler waren im Pitch).
Nachdem dieser dann gezeigte Track eher höflich durchfiel, zog Lawlor sein letztes Ass - den Rocksong - aus dem Ärmel und es zündete.
Und zwar so stark, dass eine Riesennachfrage nach dem Song aus dem Spot entstand: eine Band musste her.
Fake Plastic Trees
Lawlor schaltete eine Anzeige und ein darbender junger Sänger Ray Wilson machte sich mit seinem klapprigen VW auf nach London zum Vorsingen.
Schnell wurde die Single hinterher geschoben und ich kann mich tatsächlich noch an den Spot zur Single erinnern, genauso wie die Beinahe-Bühnen-Schlägerei zwischen Ray Wilson und Peter Lawlor. Denn die Szene, bei der Lawlor Wilson ins Gesicht und das Mikro aus der Hand trat, wurde bei MTV ein beliebter Trailer auf Dauerschleife.
Offensichtlich verstanden sich die Bandmitglieder nicht.
Nach dem ersten Album war's vorbei. Wilson - wirklich tolle Stimme - hatte danach ein Engagement bei Genesis, das Ende der 90er endete.
Immerhin fühlte sich Billy Corgan immer wieder bemüßigt, seine Band - die Smashing Pumpkins - als Stiltskin anzukündigen, da er überzeugt war, Lawlor hätte den tiefen Gitarrensound der Single von ihm geklaut. Angeblich wurde sein Song „Today“ für den Spot angefragt, aber das gehört in den Bereich Legenden.
Wow – spult mal bis etwa 3:45 vor, da ist es nur noch ein Haarbreit bis zu einer richtigen Schlägerei auf der Bühne. So viel zur Chemie in der Band. Auch wenn sie sich am Ende anscheinend wieder versöhnen....
Spaceman
In dem ganzen Hype lief die Maschinerie weiter: Ein gewisser Norman Cook - später bekannt als Fatboy Slim - lieferte als Bandmitglied von Freak Power Song und Bassline zum kontroversen Drag-Queen-Spot im New Yorker-Taxi.
Ein Knetfiguren-Spot mit Shaggys Mr. Boombastic zündete Dancehall-mäßig,
bis ein Big-Beat-Alien-Mädchen die Welt nochmal aus den Angeln hob.
Von Arthur Baker geremixt, knallten Song- und Bassline mit saftigen Big Beats dermaßen verheißungsvoll, dass jeder einen besseren Prodigy-Song erwartete.
Viel wurde über die große Enttäuschung berichtet, dass Jas Manns Originalversion doch so anders, Grunge-lastig, düster, schwermütig und sozialkritisch daher kam. Komischerweise hatte ich mir, wie bei Stiltskin, auch die Single-CD gekauft und kam mit dem doch so anderen Lied auch ganz gut zurecht.
Wie auch immer, noch ein seltsamer Furor, den die populäre Blue Jeans verursachte.
Roll With It
Weiter ging es mit Underwater Love, einem bemerkenswerten Triphop-Bossa-Nova-artigen Chanson von Smoke City, was wieder eine passende Soundzeitkapsel bildete und dem Zeitgeist einen neuen Stempel aufprägte.
Wohlgemerkt waren die Songs keine Maßanfertigungen wie „Inside“ - sie waren schon veröffentlicht, erfuhren aber mit Levi’s einen unheimlichen Popularitätsschub.
Den letzten Song in diesem den Zeitgeist-zuklatschenden Reigen bildete Mr. Oizos Flat Beat, nachdem die Lilys mit „A Nanny In Manhattan“ Indie-mäßig die Gitarren schrubben durften. Beide Spots zuvor kamen von Regisseuren, die später Größeres machten: Michel Gondry drehte den von Smoke City, Roman Coppola den der Lilys.
Eine lustig-wippende, gelbe Puppe namens „Flat Eric“ - übrigens von den Muppets-Machern gemacht - und ein knarzender Techno-Fetzen konnten nichts mehr Aufwühlendes hervorbringen - außer dem Nachäffen dieses Wippens.
Einzig, dass der Song beinahe gegen den Willen des Auftraggebers durchgedrückt wurde, symbolisiert das nachlassende Gespür für den Puls der Zeit auf allen Seiten. Die Formel war am Endpunkt.
The End Is the Beginning Is the End
Levi’s war bis die Strokes die Röhrenjeans wieder aufleben ließen, auf dem absteigenden Ast - mit Massenentlassungen und Werksschließungen. Auch das kurze Skinny-Jeans-Revival der frühen 2000er verhalf nicht mehr zur starken Marktposition der 90er.
BBH gewann 2002 nochmal den Pitch für das Amerika-Geschäft, lehnte dann aber selbst die Fortführung 2010 ab - offensichtlich war alles auserzählt. Die Kulturmaschine war auseinandergefallen.
Übrig blieb eine Welle von Hypes, die Stars geschaffen und fallen lassen hat, Dutzende erstaunliche Geschichten und ein halbes Jahrzehnt voller Popkultur, das in seiner wilden Mischung aus Rock’n’Roll, Kommerz und Innovationsfreude so nur in den 90ern entstehen konnte - weniger Kalkül, mehr Gefühl.
Und, das würde mich echt interessieren: liebe 90er Folks, trägt von Euch noch wer Levi’s? Falls ja: Chapeau, Sir John! Gelobt sei cleveres Marketing! Ach ja: Damit begann meine Klo-Recherche überhaupt erst — weiß eigentlich jemand, worum es in "Inside" geht?
So, Here we are now — gefangen zwischen Joballtag, Vatersein und Ambitionen, die nie ganz verschwunden sind. In meinem Fall hatte letzteres immer mit Musik zu tun.
Wer hätte gedacht, dass sich das Älterwerden anfühlt, als würde man zugeschüttet — von Routinen, Rechnungen und einer Kultur, die auf Ablenkung, Hyperkapitalismus und permanenten Lärm ausgelegt ist.
Wahrscheinlich ist das der Grund, warum die 90er bis heute nachhallen. Aber waren sie wirklich besser? Natürlich nicht. Uns fehlten viele der Dinge, die unser Leben heute prägen. Aber irgendwo ist während dieses technologischen Sprungs etwas Menschliches verloren gegangen — ein bestimmter Funken Hoffnung.
Bitter Sweet Symphony
Ist das nur eine GenX-Wahrnehmung? Auf dem Papier steht die Welt heute besser da: die Kriminalität ging zurück, Armut und Hunger nahmen ab. Damals war einiges im Gange: Die Mauer war gefallen. Der Ostblock zerfiel, der Kalte Krieg war vorbei. Apartheid endete, Europa schien endlich zusammenzuwachsen, und die Welt wirkte so, als könnte sie sich auf eine große gemeinsame Herausforderung einigen — den Klimawandel. Das Web öffnete neue Horizonte. Die Wissenschaft machte enorme Fortschritte. Kultur explodierte — sogar die Beatles "vereinten". Staunen war "Here, there and everywhere" angesagt. "Globalization" war das Stichwort. Die Welt fühlte sich an wie eine einzige Love Parade.
Und doch trug dieses Jahrzehnt eine enorme Brutalität in sich. Der Golfkrieg. Der Balkan. Ruanda. In der Mitte des Jahrzehnts wurde es noch finsterer: Die Ermordung von Yitzhak Rabin versetzte dem Friedensprozess im Nahen Osten einen schweren Schlag. Amokläufe und Börsencrashs zeigten, dass der Abgrund nie weit entfernt war. Und wie wir heute wissen, wurden Frauen trotz öffentlicher feministischer Triumphe hinter den Kulissen ausgebeutet.
Kurt Cobains Tod ließ die Stimme einer Generation verstummen. Der Tod von Prinzessin Diana erschütterte die Welt.
Und doch — warum fühlt sich der Spirit der 90er heute so unerreichbar an?
Smells Like Teen Spirit
Die Magie war diese Rohheit. Stile waren noch im Entstehen. Szenen hatten Kanten. Man konnte gleichzeitig in Grunge und Clubkultur leben, in Entfremdung und Hedonismus, in Tiefe und Nonsens — oft alles zur selben Zeit. Leben bedeutete Erkundung: spontane Partys, Konzerttrips, lange Gespräche bis tief in die Nacht. Wir folgten Impulsen, nicht Algorithmen. Wir trafen uns in losen, chaotischen Gruppen. Selbst das Internet war ein Spielplatz zum Entdecken, kein Ort für Dauerinszenierung und Selbstvermarktung.
Es gab mehr Raum, unfertig zu sein. Mehr Neugier. Mehr Freude. Dinge hatten Bedeutung.
Human Behaviour
Das hier ist kein „früher war alles besser“-Gerede. Es geht um Rückgewinnung. Es geht darum, den Drang wiederherzustellen, Dinge auszuprobieren, bevor sie glattgezogen und markttauglich gemacht werden.
Was heute fehlt, ist nicht die Vergangenheit. Es ist der Mut roh zu sein — und der Wille, Neues anzunehmen, ohne es sofort besitzen oder verwerten zu müssen. Das schuf ein besseres Verständnis füreinander — und mehr Empathie für den Lebensweg anderer.
Bleib neugierig. Probier aus. Right about now!
Dafür steht Daddy Grunge.
Einwilligungen verwalten
Um Ihnen ein optimales Erlebnis zu bieten, verwenden wir Technologien wie Cookies, um Geräteinformationen zu speichern und/oder darauf zuzugreifen. Wenn Sie diesen Technologien zustimmen, ermöglichen Sie uns die Verarbeitung von Daten wie Ihrem Surfverhalten oder eindeutigen IDs auf dieser Website. Wenn Sie nicht zustimmen oder Ihre Zustimmung widerrufen, kann dies bestimmte Funktionen beeinträchtigen.
Funktionale Immer aktiv
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist für den legitimen Zweck unbedingt erforderlich, um die Nutzung eines vom Teilnehmer oder Nutzer ausdrücklich angeforderten bestimmten Dienstes zu ermöglichen, oder dient ausschließlich der Durchführung der Übertragung einer Nachricht über ein elektronisches Kommunikationsnetz.
Einstellungen
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist für den legitimen Zweck der Speicherung von Einstellungen erforderlich, die nicht vom Abonnenten oder Nutzer angefordert wurden.
Statistiken
Die Speicherung oder der Zugriff auf Daten, die ausschließlich zu statistischen Zwecken erfolgt.Die Speicherung oder der Abruf von Daten, die ausschließlich für anonyme statistische Zwecke genutzt werden. Ohne eine gerichtliche Vorladung, die freiwillige Mitwirkung Ihres Internetdienstanbieters oder zusätzliche Aufzeichnungen von Dritten können die zu diesem Zweck gespeicherten oder abgerufenen Informationen in der Regel nicht dazu verwendet werden, Sie zu identifizieren.
Marketing
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist erforderlich, um Nutzerprofile zu erstellen, um Werbung zu versenden oder um den Nutzer auf einer Website oder über mehrere Websites hinweg für ähnliche Marketingzwecke zu verfolgen.