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Autor: Gary West

  • Great Movies of the ’90s: As Good as It Gets – A Retrospective

    Großartige Filme der 90er: Besser geht’s nicht – eine Retrospektive

    Fünf Filme, die ich meinen Töchtern wohl irgendwann aufschwatzen werde.


    Also, jede Liste guter, interessanter und denkwürdiger Filme der 90er würde ellenlang sein. Klassiker wie: Forrest Gump, Good Will Hunting, Der mit dem Wolf tanzt oder Kevin - Allein zu Haus würden jedem in den Sinn kommen.

    Hier kommen Blockbuster-Klassiker, aber auch leise Indie-Filme. Die 90er waren (m)eine Explorer-Dekade in jeder Hinsicht und Kinofilme waren wichtige kulturelle und Entertainment-Highlights.

    Apropos Kino: ja, in der Zeit war der Gang ins Kino ein kleines Event: mit Freunden oder sogar alleine. Als sozialer Bestandteil wurde der Film noch in einer Kneipe ausgewertet und dann heim.

    Was willst Du auch anderes machen, als Jugendlicher, im Erzgebirge?

    Clubkino Siegmar, die Freilichtkinos im Vox oder AJZ oder das Luxor Cinestar waren so Anlaufpunkte für einen Dorfjugendlichen wie mich, nur des Lokalkolorits wegen.


    The Game

    Um jetzt nicht noch ein streitbares, auf Geschmack basierendes und belangloses Ranking zu liefern, habe ich mich gefragt:

    • Welche Filme hallen bis heute nach? Einige habe ich später noch ein paar Mal gesehen, aber die tiefste Erinnerung kommt immer noch vom ersten Mal. Und die, die in der Birne blieben, sind schon mal automatisch im Ranking.
    • Warum haben die nachgehallt? Dieser Punkt geht auf Szenen, Momente und die Bedeutung für mich ein.
    • Wie war mein Zugang zu diesen? Habe ich aus den Medien davon erfahren, bin ich selber darauf gekommen oder war es reiner Zufall.
    • Würde ich meine Töchter später mal damit nerven, diesen Film zu schauen? Hier kommt die Frage, die entscheidend ist. Manche Sachen fallen aus der Zeit, manche bleiben zeitlos. Fight Club, hat mich beim ersten Wiedersehen nach 25 Jahren geschockt, wegen seiner naiven und aufgesetzten Rebellion. Damals habe ich dem Film im Kino applaudiert, stehend, als Einziger. War mir egal, war geflasht davon.

    Out of Sight

    Also, aus diesen vier Fragen sind die ersten fünf Filme zustande gekommen, die ich nun hier aufführen möchte. Bitte verzeiht mir, wenn z.B. Titanic nicht dabei ist – ein absolutes Meisterwerk und Dickschiff ohne Zweifel, auch aufwühlend und plättend.
    Aber obwohl der Film absolutes Kulturgut ist, hat bei mir persönlich da nicht so viel nachgehallt im Laufe der Jahre.

    Deswegen hier eine absolut individuell eingefärbte Liste zum Ärgern, Wundern, Staunen, Abwinken oder Revue-Passieren-Lassen.


    First Strike


    1. Léolo

    Geschichte eines pubertierenden Jungen, der in einem kanadischen Armenviertel der 50er Jahre aufwächst und fantasiert, Italiener zu sein.

    Was ist Fiktion, was psychotischer Schub, was Erinnerungsfetzen?

    Schwer zu sagen,

    jedenfalls gespickt mit schrägen und deftigen Szenen.

    Léolo collage: a daydreaming boy, a Sicilian tomato and a Montreal tenement in a poetic grunge 90s style
    "Weil ich träume, bin ich nicht."

    Nachhall: ja, denke bei dem Film immer an filmische Poesie – hier ist wirklich Lyrik auf Zelluloid gebannt, ein ganz besonderes Kunstwerk.

    Zugang: auf Empfehlung eines guten, zutiefst kulturstiftenden Freundes. Schon allein deswegen besonders.

    Empfehlung als Vater: ja, aber erst, wenn die Pubertät schon ein bisschen fortgeschritten ist, definitiv nichts im Bereich FSK 6 und es ist auch geistig schwere Kost.

    Noch etwas Trivia: Regisseur und Autor Jean-Claude Lauzon kam 1997 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Der Film nimmt deutlich Bezug auf Réjean Ducharmes Roman L’Avalée des avalés, der auch innerhalb der Geschichte eine wichtige Rolle spielt. Dazu fließen Erfahrungen und Gefühle aus Lauzons eigenem Leben ein.

    Sehr metaphorisch, sehr kreativ, mit enormer Deutungstiefe.

    Deshalb ist Léolo für mich “poetry in motion (picture)” – filmische Poesie.


    2. The Big Lebowski

    Althippie verstrickt sich durch eine Reihe dämlicher Zufälle in eine halb Gangsterstory, halb L.A.-Künstlerszene-Odyssey.

    The Big Lebowski collage: a bathrobed slacker, bowling pins and a White Russian in a grunge 90s L.A. style
    „Er (der Teppich) hat den Raum erst richtig zusammengefügt.“

    Nachhall: Obwohl ich den Film später noch öfter gesehen habe, blieb bei mir „I hate the fucking Eagles“ im Hirn haften, Donnies Asche im Gesicht und des Dudes stoische „Leck-mich-am-Arsch“Stimmung.

    Und dass Amerikaner die Deutschen darin gut und gerne nachäffen.

    Zugang: typischer Kino-Gang mit meinem Kumpel. Ich denke, keiner war vorbereitet (außer Coen-Brüder standen für Muss-Gut-Sein),

    es war eher Zeitvertreib „gehen wir mal ins Kino“.

    Wir haben herzlich gelacht, das weiß ich noch.

    Ob der Abend in der Kneipe endete, keine Ahnung.

    Empfehlung als Vater: ja, als Kultfilm.

    Ob meine Töchter jemals verstehen, warum das witzig sein soll, who knows.

    Vielleicht erweisen sich Charme und Flow des Films als zeitlos.


    3. Terminator 2: Judgment Day

    Der T-800 ist diesmal Beschützer von John Connor – gegen einen übermächtigen Feind: den T-1000, ein neues und gefährlicheres Modell.

    Actionreicher und spannender Thriller mit „Späschel Äffekts“.

    Terminator 2 collage: a chrome cyborg with a glowing red eye, a skull and apocalyptic fire in a grunge 90s style
    „Ich will deine Kleider, deine Stiefel und dein Motorrad.“

    Nachhall: Ich habe ihn danach kein einziges Mal wieder am Stück gesehen,

    aber immer jeden Schnipsel begierig aufgesogen, wenn er zufällig im TV kam.

    Zugang: Medien-Hype Ende 1991.

    Wir alle wollten ins Kino.

    Und so gingen wir.

    In Scharen,

    auf Mopeds.

    Ich kann mich erinnern, dass das Kino im Nachbarort rappelvoll war, die halbe Klasse drin saß und Nebelschwaden von Zigaretten das Licht des Projektors durchbrachen.

    So muss Kino.

    Geiler Moment, geiler Film.

    Empfehlung als Vater: Ja, würde mich auch interessieren, wie meine Töchter drauf reagieren.

    Oder aber: Irgendein Skynet in der Realität hat den Film inzwischen ad absurdum geführt, oder ihm angesichts knallharter Realität seinen dystopischen Charme genommen.

    Dann werden sie mich fragen:

    ihr habt das alles vorher gesehen und nichts gemacht?

    Vielleicht doch keine gute Idee.


    4. Pulp Fiction

    In ineinander verwobenen Erzählsträngen erzählte Gangsterpistole, die mit Dialogen, Musik, Gewalt und verdammt viel Stil arbeitet.

    Ein Meisterstück von Tarantino.

    Pulp Fiction collage: smoking woman, two men in suits, a briefcase of cash and a gun in a grunge 90s Los Angeles scene.
    „Sag noch einmal ‚Was‘! Sag noch einmal ‚Was‘! Ich warne dich, ich warne dich doppelt, du kleiner Schwanzlutscher! Wag es, auch nur noch ein einziges Mal ‚Was‘ zu sagen!“

    Nachhall: Vor allem der Soundtrack, die Coolness und diese vollkommen eigene Atmosphäre sind geblieben.

    Ein Film, den ich auch heute noch einschalten kann und der sofort wieder funktioniert.

    Zugang: Den großen Hype habe ich damals natürlich mitbekommen – gesehen habe ich den Film aber erst deutlich später, vermutlich 1997 oder so.

    Also kein legendärer Kinoabend, keine besondere Geschichte drumherum.

    Einfach irgendwann nachgeholt.

    Und trotzdem verstanden, warum alle davon gesprochen hatten.

    Empfehlung als Vater: Ja.

    Schon allein als Stück Film- und Popkultur der 90er.

    Ob meine Töchter irgendwann dieselbe Coolness darin sehen wie ich, ist eine andere Frage.


    5. Lost Highway

    Tja, worum geht’s?

    Nicht so einfach zu beantworten.

    Man kann sich nur einlassen auf diese Reihung von Metaphern, Gestaltenwandlungen und Thrill- und Schockszenen von Lynch.

    Lost Highway collage: a night highway, a pale mystery face and noir neon in a dark grunge 90s style
    „Ich erinnere mich an Dinge auf meine eigene Art."

    Nachhall: "Ich bin in Ihrem Haus. Rufen Sie mich an."

    Da kriecht mir jetzt noch ein Schauer den Rücken hinunter.

    Und hier weiß ich, dass ich danach in einer Kneipe war und das Nachäffen der Szene meines Kumpels mich wieder aus dem Schock geholt hat.

    Zugang: Mit einer Gang wieder mal ins Luxor-Kino gefahren und einfach den rausgesucht

    (es gab immer wieder ein paar Indie-Filme im ganzen Blockbuster-Reigen, man konnte also nichts falsch machen, dorthin zu fahren)

    und dann leicht verstört rausgekommen.

    Empfehlung als Vater: nun ja, vielleicht so als Nummer

    „Kuck mal, was für krasse Filme Dein Vater gekuckt hat damals“,

    um sie etwas zu beeindrucken.

    Noch etwas Trivia: Lost Highway war für Rammstein ein wichtiger Türöffner in den USA. In der Szene, in der Andy nach seinem ziemlich unschönen Abgang im Glastisch landet, knallt „Heirate mich“ rein.

    Und genau so habe ich das in Erinnerung:

    Das Ding schlug an dieser Stelle ein wie ein Vorschlaghammer.

    Willst Du mehr 90er Echo empfangen? Dann schnapp' Dir den Backstage Pass!

    Und jetzt du: Welcher 90er-Film hallt bei dir bis heute nach — und warum? Ab damit in die Kommentare.

  • The Denim Hit Machine — a Saga of Pop Culture, Advertising and the Sound of the 90s

    Die Denim-Hitmaschine - eine Saga über Popkultur, Werbung und den Sound der 90er

    Von Marvin Gaye zu den Muppets, von Madonna zu Massive Attack

    Was Eingebungen für Überraschungen hervorbringen können!

    Früh beim Kinder-zur-Schule-Bringen, nach einem Sinnlos-Anruf vom Chef kam mir unwillkürlich der Song „Inside“ von Stiltskin in den Sinn mit seinem brachialen, unverwechselbaren Gitarrenriff und dem rauen, majestätischen Gesang von Ray Wilson Don’t keeeep it — inside.

    Später auf dem Klo lese ich einen Artikel, wie es zu Song und Band, überhaupt wie die ganze Konstellation zustande kam: für einen Levi’s-Spot musste ein Song her, der überraschend so gut einschlug, dass schnell eine Band geformt werden musste, die dann genauso brachial zerfiel, wie der letzte Twang des Hammerriffs von „Inside“.

    Dennoch haben die Levi’s-Hypes eine erstaunliche Glitzerspur über Shaggy, Fatboy Slim bis zu Flat Eric gezogen. Und zoomt man genauer rein, sind Nick Kamen, Massive Attack, Madonna, Genesis, Smashing Pumpkins und sogar die Muppets in dieser Saga verwoben.

    What’s Up?

    Aber der Reihe nach:

    Die Story beginnt mit der Agentur BBH (für Bartle Bogle Hegarty) aus London, in der ein gewisser Sir John Hegarty - Wiederentdecker des Claims „Vorsprung durch Technik“ von Audi - Mitinhaber war.
    Dieser prägte das Credo:

    Werbung muss nicht laut und überladen sein, sondern klar und kulturell einprägsam.

    Als schon umtriebiger Kreativdirektor, Anteilseigner (Saatchi & Saatchi) und Bürogründer (TBWA London) begann er 1982 mit BBH ein neues Kapitel als Agentur-Mitinhaber. Kunden wie Audi oder eben auch Levi’s waren schnell aufgetan.

    Und so kam es 1985 ganz mit der damals hippen 50er-Revival-Kultur zum ersten Fernsehspot der mittlerweile als unmodisch geltenden 501er Levi’s Jeans.
    Und dieser spielte das Credo von Sir John voll aus: Ein Model namens Nick Kamen (ja, der Nick Kamen: „I promised myself“!) betritt in einer 50er-Jahre-Kleinstadtszenerie einen Waschsalon, entblößt sich cool und sitzt in Shorts lässig-wartend zwischen staunenden Gästen. Dazu hämmerte eine Replik von Marvin Gayes „I Heard It Through the Grapevine“.

    Kulturell-sendungsbewusster ging es nicht mehr.

    Vogue

    Der Spot war so ein großer Erfolg, dass die Rechteinhaber der Originalsongs ob des unerwarteten Geldregens Neuauflagen veranlassten und plötzlich war Nick Kamen ein gefragter Mann.

    Da er auch Musiker war, ließen Kooperationsangebote nicht auf sich warten. Madonna wollte unbedingt ein Album mit ihm produzieren, beließ es aus Zeitgründen dann aber dabei, einen ihrer Songs zur Verfügung zu stellen.
    „Each Time You Break My Heart“ wurde Nick Kamens erster Welthit. Der 1990 präsentierte Knaller „I Promised Myself“ war Nummer 1 in Schweden und Österreich (Deutschland Platz 5), schlug dafür in UK nur mäßig an.

    Something Changed

    Parallel lief die Erfolgsformel „Männermodel + Soulklassiker“ bei den Levi’s Spots heiß, bis 1994 dieses Konzept ausgelutscht war.
    Neue Ideen mussten her.

    Hier kommt ein gut vernetzter Start-up-Producer namens Peter Lawlor - wirtschaftlich versiert, mit einem Abstecher ins New Yorker Tradinggeschäft - ins Spiel:
    Konfrontiert mit dem Auftrag für einen Song für den neuen Levi’s Spot bemerkte er recht schnell, dass sogar Acts wie Massive Attack im Pitch waren. Alle tasteten sich voran, Briefings wurden mehrfach geändert.

    Immer klarer wurde im Verlauf, dass eine Art Hymne gewünscht war, weswegen Lawlor ein durchgehendes chorales Stück schrieb.

    Später kristallisierte sich heraus, dass dieses durch ein emotionales Stück durchbrochen werden sollte, aber keine Komposition konnte überzeugen. BBH trat erneut an Lawlor heran, der mit dem Choral zumindest einen genehmen Anfang geliefert hatte.

    Right Here, Right Now

    Der erinnerte sich an einen Song, den er schon seit einem guten Jahrzehnt in der Schublade hatte, produzierte ihn in einem Wochenende durch (alle Instrumente selbst eingespielt) und verwarf ihn dann aber wieder zugunsten einer Elektronik-lastigeren, vermeintlich hipperen Variante (bedenke, Massive Attack und andere hippe Künstler waren im Pitch).

    Nachdem dieser dann gezeigte Track eher höflich durchfiel, zog Lawlor sein letztes Ass - den Rocksong - aus dem Ärmel und es zündete. Und zwar so stark, dass eine Riesennachfrage nach dem Song aus dem Spot entstand: eine Band musste her.

    Fake Plastic Trees

    Lawlor schaltete eine Anzeige und ein darbender junger Sänger Ray Wilson machte sich mit seinem klapprigen VW auf nach London zum Vorsingen.

    Schnell wurde die Single hinterher geschoben und ich kann mich tatsächlich noch an den Spot zur Single erinnern, genauso wie die Beinahe-Bühnen-Schlägerei zwischen Ray Wilson und Peter Lawlor. Denn die Szene, bei der Lawlor Wilson ins Gesicht und das Mikro aus der Hand trat, wurde bei MTV ein beliebter Trailer auf Dauerschleife.

    Offensichtlich verstanden sich die Bandmitglieder nicht.

    Nach dem ersten Album war's vorbei. Wilson - wirklich tolle Stimme - hatte danach ein Engagement bei Genesis, das Ende der 90er endete.

    Immerhin fühlte sich Billy Corgan immer wieder bemüßigt, seine Band - die Smashing Pumpkins - als Stiltskin anzukündigen, da er überzeugt war, Lawlor hätte den tiefen Gitarrensound der Single von ihm geklaut. Angeblich wurde sein Song „Today“ für den Spot angefragt, aber das gehört in den Bereich Legenden.

    Wow – spult mal bis etwa 3:45 vor, da ist es nur noch ein Haarbreit bis zu einer richtigen Schlägerei auf der Bühne. So viel zur Chemie in der Band. Auch wenn sie sich am Ende anscheinend wieder versöhnen....

    Spaceman

    In dem ganzen Hype lief die Maschinerie weiter: Ein gewisser Norman Cook - später bekannt als Fatboy Slim - lieferte als Bandmitglied von Freak Power Song und Bassline zum kontroversen Drag-Queen-Spot im New Yorker-Taxi.

    Ein Knetfiguren-Spot mit Shaggys Mr. Boombastic zündete Dancehall-mäßig,

    bis ein Big-Beat-Alien-Mädchen die Welt nochmal aus den Angeln hob. Von Arthur Baker geremixt, knallten Song- und Bassline mit saftigen Big Beats dermaßen verheißungsvoll, dass jeder einen besseren Prodigy-Song erwartete.

    Viel wurde über die große Enttäuschung berichtet, dass Jas Manns Originalversion doch so anders, Grunge-lastig, düster, schwermütig und sozialkritisch daher kam.
    Komischerweise hatte ich mir, wie bei Stiltskin, auch die Single-CD gekauft und kam mit dem doch so anderen Lied auch ganz gut zurecht.

    Wie auch immer, noch ein seltsamer Furor, den die populäre Blue Jeans verursachte.

    Roll With It

    Weiter ging es mit Underwater Love, einem bemerkenswerten Triphop-Bossa-Nova-artigen Chanson von Smoke City, was wieder eine passende Soundzeitkapsel bildete und dem Zeitgeist einen neuen Stempel aufprägte.

    Wohlgemerkt waren die Songs keine Maßanfertigungen wie „Inside“ - sie waren schon veröffentlicht, erfuhren aber mit Levi’s einen unheimlichen Popularitätsschub.

    Den letzten Song in diesem den Zeitgeist-zuklatschenden Reigen bildete Mr. Oizos Flat Beat, nachdem die Lilys mit „A Nanny In Manhattan“ Indie-mäßig die Gitarren schrubben durften. Beide Spots zuvor kamen von Regisseuren, die später Größeres machten: Michel Gondry drehte den von Smoke City, Roman Coppola den der Lilys.

    Eine lustig-wippende, gelbe Puppe namens „Flat Eric“ - übrigens von den Muppets-Machern gemacht - und ein knarzender Techno-Fetzen konnten nichts mehr Aufwühlendes hervorbringen - außer dem Nachäffen dieses Wippens.

    Einzig, dass der Song beinahe gegen den Willen des Auftraggebers durchgedrückt wurde, symbolisiert das nachlassende Gespür für den Puls der Zeit auf allen Seiten. Die Formel war am Endpunkt.

    The End Is the Beginning Is the End

    Levi’s war bis die Strokes die Röhrenjeans wieder aufleben ließen, auf dem absteigenden Ast - mit Massenentlassungen und Werksschließungen.
    Auch das kurze Skinny-Jeans-Revival der frühen 2000er verhalf nicht mehr zur starken Marktposition der 90er.

    BBH gewann 2002 nochmal den Pitch für das Amerika-Geschäft, lehnte dann aber selbst die Fortführung 2010 ab - offensichtlich war alles auserzählt. Die Kulturmaschine war auseinandergefallen.

    Übrig blieb eine Welle von Hypes, die Stars geschaffen und fallen lassen hat, Dutzende erstaunliche Geschichten und ein halbes Jahrzehnt voller Popkultur, das in seiner wilden Mischung aus Rock’n’Roll, Kommerz und Innovationsfreude so nur in den 90ern entstehen konnte - weniger Kalkül, mehr Gefühl.

    Und, das würde mich echt interessieren: liebe 90er Folks, trägt von Euch noch wer Levi’s? Falls ja: Chapeau, Sir John! Gelobt sei cleveres Marketing! Ach ja: Damit begann meine Klo-Recherche überhaupt erst — weiß eigentlich jemand, worum es in "Inside" geht?

  • Why the Gen-X Line Is a Guessing Game

    Warum die Sache mit der "Gen-X-Line" ein Ratespiel ist!

    Don’t Speak

    Kennt noch jemand Napster? Napster war 1999 eine Online-Plattform, auf der man per Suchbegriff alle mögliche Musik als MP3 herunterladen konnte! Aber eben nicht von der Plattform selbst sondern vom Rechner eines anderen Nutzers. Im Unterschied zu Tapes, die von Hand zu Hand gingen, konnten wie in einem Katalog Inhalte bei Napster gesucht werden, und nach Fund und Vermittlung massenhaft downgeloaded werden.

    Nie war in dieser kurzen Zeit – Napster wurde Ende 99 verklagt und 2001 abgeschaltet - meine Entdeckungsreise ergiebiger und überraschender: neue Bandnamen, interessante Songtitel – all das konnte konsumiert werden, sobald man „Download“ drückte. Fernab des Kaufs der physischen CD im Laden.

    Auch damals wussten wir, dass das nicht legal war. Aber wir hatten die technischen Bezugsmöglichkeiten. Und etwas Häme war mit dabei – wir Musik-Connaisseurs gegen die großen Musikbosse. Dabei wurden gerade die Künstler außen vorgelassen, die eigentlich auf den CD-Kauf angewiesen wären (seltene Indie-Bands) und die Ver-H&M-mung der Musik begann mit diesem Gebaren.

    Torn

    Schon seit der Erfindung des Buchdruckes gab es Vereinbarungen, wem welche Rechte, Lizenzen und Tantiemen vertraglich zugeschrieben werden oder gehören. Bis Mitte der 90er war die massenhafte Verbreitung von musikalischen Inhalten aber technisch begrenzt. Teilen hieß meistens: mühsam Tapes kopieren, weitergeben, erneut kopieren. Plötzlich ließen sich digitale Dateien praktisch verlustfrei und in immer größerem Maßstab verbreiten. CDs wurden gerippt und deren Inhalte auf Sharing-Plattformen wie Napster munter geteilt.

    Nothing Else Matters

    Doch warum wurden die User nicht belangt, wie es später geschah? Der viel effektivere Weg war die zentrale Plattform selbst. Statt 20 Millionen Nutzer einzeln zu belangen begann die RIAA einen Rechtsstreit. Auch Metallica erhob Klage gegen die Plattform wegen einer nicht autorisierten Verbreitung eines noch nicht veröffentlichten Werks. Napster argumentierte, die Musik selbst weder zu speichern noch auszuliefern, sondern lediglich Nutzer und Dateien miteinander zu vermitteln. Doch das half nichts: 2001 wurde Napster abgeschaltet, aber File Sharing verschwand nicht. Kompliziertere Sharing-Modelle wie Bit-Torrent kamen ins Laufen. Und erst 2003 gelang es, mit dem iTunes Store eine legale Downloadplattform zu haben, die den Ansprüchen der Industrien genügte. Bis das Streaming von heute nichtmal mehr den Download benötigt. Erst war die Technik schneller als die Rechtsprechung, heute werden Urheberrecht und Copyright im Web mit Argus-Augen überwacht.

    Ironic

    Kann man da einen Shirt-Shop starten im 90er Spirit ohne irgendeinen Bezug zu den Hymnen, die das Jahrzehnt prägten und die musikalisch die Buntheit der Dekade ausdrückten? War meine Daddy Grunge-Idee schon vor Start zum Scheitern verurteilt, wenn ich 90er-Songs oder andere Kulturgegenstände nicht feiern kann ohne Gefahr zu laufen, Rechte zu verletzen? Versuche ich gar nicht erst, Bandlogos, Cover oder bekannte Gestaltungen nachzubauen?

    Zurück bleibt etwas anderes: Essenz. Was bleibt von einem Song übrig? Wie setze ich meine Erinnerung in eine eigene Bildidee um? Und vielleicht ist genau das am Ende der Witz an der Sache. Ich kann also nicht einfach „Nirvana“ aufs Shirt klatschen, das In Utero Cover nachzeichnen und behaupten, es ist mein eigen. Aus der Erinnerung muss etwas Neues werden - gefiltert durch Zeit, Seele und Humor. Eine Erinnerung, ein Bild, ein Insiderwitz. Wer den Song erkennt, erkennt ihn. Wer nicht, trägt eben nur ein schräg gezeichnetes T-Shirt.

    Und damit wird ausgerechnet das Urheberrecht zum unfreiwilligen Creative Director der Gen-X-Line.

  • A Self-Critique, or: Why Principles and Business Always Collide

    Eine Selbstkritik oder: Wie Haltung und Geschäft immer kollidieren

    …und der Kommerz immer gewinnt.

    Wear Sunscreen

    Zurzeit ist es sehr heiß in Deutschland. Heißer als nie zuvor da gewesen, seit Messung meteorologischer Daten. Und in der Wissenschaft gibt es den Konsens, dass durch wachsenden fossilen Ausstoß sich die Erdatmosphäre erhitzt. Der Klimawandel ist quasi hausgemacht, durch die Industrienationen und Leuten wie mir, die einen weiteren POD-Online-Shop eröffnen.

    Schon in den 90ern war der Menschheit klar, dass dem global entgegengesteuert werden müsste. Eine Generation später sind Gesetze und Richtlinien in Kraft, die auf diese Beschlüsse zurückgeführt werden können und die die Benutzung von fossilen Brennstoffen und die Freisetzung von Klimagasen immer gezielter besteuern.

    Das treibt natürlich Energie- und Konsumpreise, stellt die Leute hierzulande bei großen Anschaffungen (Auto, Wärmepumpe) und im Alltag vor Komplexitäten, die sie wütend werden lassen. So stark, dass unter anderem auch deswegen Populismus wieder auf fruchtbaren Boden fällt.

    The Show Must Go On

    Es kann ja auch nicht sein, dass wir hart erarbeitete, lieb gewonnene Routinen, wie z. B. zweimal in den Urlaub fliegen oder T-Shirts aus Bangladesch online bestellen, überdenken oder gar opfern müssen.

    Und immer weiter geht der Konsum, als ob es kein Morgen gäbe. Und wehe, Benzin oder Energie wird teurer.

    Dieser Rausch, nach 2001 noch mit neo-nationalistischen Anklängen versehen, geht einher mit einem globalen Kapitalismus. Der scheint zwar gerade in immer brutalere (Rohstoff-)Konflikte zu geraten und dennoch kein Innehalten zu finden. Klar, eine große Bevölkerungsschicht außerhalb des glorreichen Westens kommt gerade in Wohlstandssphären, die sie um keinen Preis aufgeben möchte.

    Killing in the Name

    Somit kämpfen immer mehr Menschen um begrenzte natürliche Ressourcen, verschwinden immer schneller natürliche Lebensräume von Tieren und Pflanzen, steigen Energie- und Wohnpreise (auch Baustoffe sind Rohstoffe) und wird die Stimmung rauer, hitziger - alles unter der sich weiter aufheizenden Käseglocke unserer Atmosphäre.

    Braucht es da noch eine Marke, die aus einem POD-Shop heraus T-Shirts mit 90er-Motiven um die Welt shippt?

    Ganz sicher nicht.

    Warum tue ich das trotzdem?

    Zumal es wenig mit dem 80er-Kid zu tun hat, das immer das mahnende Ende von Tierfilmen verinnerlichte, dass der immer kleiner werdende Lebensraum die faszinierenden Geschöpfe vom Aussterben bedroht.

    Der als Teenager nie die nicht endende Party namens Love Parade verstanden hat, weil sie dem Tanz auf dem Vulkan glich.

    My Favourite Game

    Heute weiß ich, all das hat viel mit dem Leben zu tun:

    Der eine steckt viel Geld in einen Youngtimer, fährt ihn einmal im Jahr zum Treffen mit gleichgesinnten Bastlern und poliert ihn ansonsten nur.

    Ich mache halt gern Musik und verbinde alles, was ich im Leben einigermaßen kann (entertainen, zeichnen, songwriten, Content erstellen) zu einem Projekt.

    Das Finanzamt nennt so etwas Liebhaberei.

    Der Volksmund nennt es Spleen.

    Das habe ich erst jetzt verstanden - „jedem Tierchen sein Pläsierchen“ oder „leben und leben lassen“.

    Vielleicht lenkt das kollektive Song-Erinnern von Krisen oder schlechtem Gewissen ab.

    Wir brauchen Besinnung,

    eine Pause

    und mehr Zuversicht.

    Ein Scheiß-T-Shirt wird die Welt nicht retten.

    Vielleicht macht es sie sogar ein winziges bisschen schlechter.

    Aber möglicherweise auch für einen Moment lustiger.

    Und solange keiner groß kauft, hat Daddy Grunge keinen moralischen Konflikt am Hals.

    So, let the fuckening begin.

  • Likes, Kids and the Rest of (Online) Life

    Likes, Kinder und der Rest des (Online-) Lebens

    Irgendwo zwischen MySpace und dem Vaterdasein tauchte der Algorithmus auf.

    Ich gehöre zu den Internet- und Social Media Veteranen: 1995 Internet mit Modem, StudiVZ, ICQ, myspace, irgendwann Facebook. Nie Twitter, unbeholfen Instagram, auch mal Google Plus. Nicht als Early Adopter oder Trendsetter, eher Mitläufer, aber immerhin nie als letzter Depp.

    Und im Prinzip haben mir diese Ausflüge Freude bereitet: organischer Aufbau von Communities, Verbindungen knüpfen, alte und neue Freunde entdecken.

    Push The Feeling On

    Aber immer wenn ich versucht habe, Ideen und Projekte organisch zu promoten, lief es frustrierend.

    Heute weiß ich, dass ich mich wie in der Dorfdisco in den frühen 90ern benommen habe: immer mit denselben Kumpels zur selben Party gefahren, um die selbe Crowd zu treffen und ein bisschen sinnlos feiern… und das lief auch in den Plattformen okay (by the way, what the fuck happened to Facebook 😂) nur nicht in Richtung viraler Über-Nacht-Erfolg.

    Connected

    Wie es besser laufen könnte, da sind ja nun ChatGPT und Claude nie um Profi-Ratschläge verlegen. Und schon kommt wieder der Reflex auf, mich (semiprofessionell) in den Sog der Social Media-Aufmerksamkeitsmaschine zu stürzen.

    Aber ich weiß, wie erschöpfend und persönlichkeitsverändernd das sein kann, zeitfressend sowieso.

    Deshalb muss ich mich immer zurückholen:

    „es ist ein Hobby!“

    und

    „den Kindern nützt ein anteilnahmevoller und aufmerksamer Vater mehr!“

    (auch wenn, letzteres - ganz ehrlich - auch anstrengend ist, aber diese jungen Jahre gibt keiner einem zurück).

    So interessant auch das kreative Herumspielen sein mag oder die Interaktion mit Followern ist (wenn sie mal geschieht), echte Verbindungen sind einfach gehaltvoller, schon allein wegen den vielfach breiteren Kommunikationsebenen (Lächeln, Seitenblicke, Spott, Grinsen).

    Und wenn man im Leben schon einige echte Verbindungen verloren hat, weiß man auch wie wertvoll gemeinsam verbrachte Zeit ist.

    Zeit gibt einem auch niemand zurück

    Even Flow

    Tja, das ist nun mal der Zwiespalt mit der Aufmerksamkeitsmaschine.

    Aber das krieg’ ich auch noch hin, ist ja nicht der erste Trade-Off, den ich handlen musste.

    Und selbst, wenn diese kleinen Dopamin-Drips so toll sind: kaufen kann man sich nichts davon.

    Die beste Lösung wäre, Daddy Grunge geht sofort viral.

    Dann kommt kein schleichender Sog auf, sondern ein mit allen Mitteln einzudämmender Rausch.

    Ach Mensch,

    am liebsten würde ich darüber bei einem Bierchen mit echten Menschen philosophieren…

    Ein Gen-X Daddy

  • The 90s Cure: Healing a burnt-out world!

    The 90s Cure: Heilung für eine ausgebrannte Welt!

    Keine Nostalgie. Rückgewinnung.

    So, Here we are now — gefangen zwischen Joballtag, Vatersein und Ambitionen, die nie ganz verschwunden sind. In meinem Fall hatte letzteres immer mit Musik zu tun.

    Wer hätte gedacht, dass sich das Älterwerden anfühlt, als würde man zugeschüttet — von Routinen, Rechnungen und einer Kultur, die auf Ablenkung, Hyperkapitalismus und permanenten Lärm ausgelegt ist. 

    Wahrscheinlich ist das der Grund, warum die 90er bis heute nachhallen. Aber waren sie wirklich besser? Natürlich nicht. Uns fehlten viele der Dinge, die unser Leben heute prägen. Aber irgendwo ist während dieses technologischen Sprungs etwas Menschliches verloren gegangen — ein bestimmter Funken Hoffnung.

    Bitter Sweet Symphony

    Ist das nur eine GenX-Wahrnehmung? Auf dem Papier steht die Welt heute besser da: die Kriminalität ging zurück, Armut und Hunger nahmen ab.
Damals war einiges im Gange: Die Mauer war gefallen. Der Ostblock zerfiel, der Kalte Krieg war vorbei. Apartheid endete, Europa schien endlich zusammenzuwachsen, und die Welt wirkte so, als könnte sie sich auf eine große gemeinsame Herausforderung einigen — den Klimawandel. Das Web öffnete neue Horizonte. Die Wissenschaft machte enorme Fortschritte. Kultur explodierte — sogar die Beatles "vereinten". Staunen war "Here, there and everywhere" angesagt. "Globalization" war das Stichwort. Die Welt fühlte sich an wie eine einzige Love Parade.

    Und doch trug dieses Jahrzehnt eine enorme Brutalität in sich. Der Golfkrieg. Der Balkan. Ruanda. In der Mitte des Jahrzehnts wurde es noch finsterer: Die Ermordung von Yitzhak Rabin versetzte dem Friedensprozess im Nahen Osten einen schweren Schlag. Amokläufe und Börsencrashs zeigten, dass der Abgrund nie weit entfernt war. Und wie wir heute wissen, wurden Frauen trotz öffentlicher feministischer Triumphe hinter den Kulissen ausgebeutet.

    Kurt Cobains Tod ließ die Stimme einer Generation verstummen. Der Tod von Prinzessin Diana erschütterte die Welt. 

    Und doch — warum fühlt sich der Spirit der 90er heute so unerreichbar an?

    Smells Like Teen Spirit

    Die Magie war diese Rohheit. Stile waren noch im Entstehen. Szenen hatten Kanten. Man konnte gleichzeitig in Grunge und Clubkultur leben, in Entfremdung und Hedonismus, in Tiefe und Nonsens — oft alles zur selben Zeit. Leben bedeutete Erkundung: spontane Partys, Konzerttrips, lange Gespräche bis tief in die Nacht. Wir folgten Impulsen, nicht Algorithmen. Wir trafen uns in losen, chaotischen Gruppen. Selbst das Internet war ein Spielplatz zum Entdecken, kein Ort für Dauerinszenierung und Selbstvermarktung.

    Es gab mehr Raum, unfertig zu sein. Mehr Neugier. Mehr Freude. Dinge hatten Bedeutung.

    Human Behaviour

    Das hier ist kein „früher war alles besser“-Gerede. Es geht um Rückgewinnung. Es geht darum, den Drang wiederherzustellen, Dinge auszuprobieren, bevor sie glattgezogen und markttauglich gemacht werden.

    Was heute fehlt, ist nicht die Vergangenheit. Es ist der Mut roh zu sein — und der Wille, Neues anzunehmen, ohne es sofort besitzen oder verwerten zu müssen. Das schuf ein besseres Verständnis füreinander — und mehr Empathie für den Lebensweg anderer.

    Bleib neugierig. Probier aus. Right about now!

    Dafür steht Daddy Grunge.